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Märchen in Birgits Büchergarten:

Bald ist zweiter Advent. Vor einigen Tagen blätterte ich mal wieder in meinem dicken Märchenwälzer bei gemütlichem Kerzenschein ... Machen wir es uns schön und zünden unsere inneren Lichter an!  Märchenzeit!

Ich habe schon angefangen zu schmökern und bin wie immer fasziniert von der reichen Bilderwelt in den Märchen. Fantasie pur. Mal total lustigabsichtsvoll verlogen, mal dramatisch, mal anrührend, mal fromm, mal unheimlich. Und wenn man es genau nimmt, sind all unsere modernen Geschichten, ob Roman, ob Krimi auf dem Nährboden der frühen "Heldenreisen" gewachsen. Eine gute Grundlage. Wenn wir uns dann noch die Mühe machen, die "Märchensprache" wieder verstehen zu lernen und für unsere Innenerfahrungen zugänglich zu machen, sind gerade Volksmärchen eine wirkliche Bereicherung. Soviel zur Theorie. Heute gibt´s hier ein erstes, von mir nacherzähltes Gschichtla. Das ist ja durchaus Tradition, dass Märchen weitererzählt werden - auch dass sie sich dabei ein wenig verändern. Dabei versuche ich allerdings, sehr achtsam vorzugehen und nicht schon zu intepretieren.

Sehr empfehlen mag ich an dieser Stelle "Der Märchenpalast", Hrsg. Ulf Diederichs, Weltbild GmbH, Augsburg, 2002, das antiquarisch durchaus zu bekommen ist. Angeregt durch ein Märchen daraus, ist hier meine Bearbeitung: Die Geschichte vom Prinzen Aschelein

Es war ein König, der hatte eine Tochter von siebzehn Jahren, die hatte bislang noch keinen Bräutigam gefunden. Als der König einmal ausreiten wollte, sagte sie zu ihm: "Vater, was euch unterwegs an den Hut fliegt, das bringt mir mit." Nun war er schon eine lange Zeit geritten, ohne das etwas geschehen wäre. Erst, als er einen Wald durchquerte, flog ihm ein Vogel an den Hut. Den wickelte er in sein Taschentuch und brachte ihn seiner Tochter. Die hat ihn gleich in die Hand genommen. Jeden Tag hat sie ihm zu essen und zu trinken gegeben, hat ihn mit gutem Wein abgewaschen, ihn in ein seidenes Tüchlein gehüllt und ihn nachts in ihrem Bett schlafen lassen. Als ein Jahr um war, lag am letzten Tag statt des Vogels ein Prinz darin.

Sie hat ihn ihren Eltern vorgestellt und gesagt: "Das war der Vogel." Er wäre verzaubert gewesen, aber sie habe ihn erlöst, weil sie ihn gepflegt hat und in ihrem Bett hat schlafen lassen. (Original: "Aber mehr als drei Tage hat er´s nicht ausgehalten bei ihnen.") Nach drei Tagen schon hat der Prinz aber heim gewollt und hat zu ihr gesagt: "Mein liebes Kind, ich verlasse dich nicht, aber hier kann ich dich nicht heiraten. Ich heiße Prinz Aschelein. Die Reise in mein Land dauert ein Jahr hin und ein Jahr zurück. Wenn ich in zwei Jahren nicht wieder da bin, bin ich gestorben. Du kannst dich aber gern in meinem Land nach mir erkundigen."

Als er zuhause ankommt, sind seine Eltern tot und er übernimmt als ihr Erbe das Königreich. Der Prinzessin aber wurde die Zeit lang. Sie machte sich bald darauf auf den Weg. Sie nahm ein goldenes Armband mit, einen goldenen Kamm und ein goldenes Glockenspiel. Nach einem Jahr kommt sie glücklich in seinem Land an. Da hört sie, dass er sich eine Prinzessin aus seinem Land zur Braut erwählt hat. Sie bittet um Arbeit im Schloss und wird als zweites Stubenmädchen angestellt. Ach, wie schwer ihr die ungewohnte Arbeit fällt und wie das einfache Wollkleid das sie ihr geben, ihre schöne, feine Haut zerkratzt! Schon in drei Tagen soll die Hochzeit sein, erzählt ihr das erste Stubenmädchen. Da bittet die Prinzessin sie, ob sie nicht nachts vor des Königs Tür wachen darf. Die will das aber nicht erlauben und sagt: "Du bist erst so kurze Zeit hier und willst schon zum König? Wenn man dich erwischt, bringen sie uns beide um."

Da bietet ihr die Prinzessin das goldene Armband an. Und weil das so schön funkelt und glänzt, will das Stubenmädchen es gern haben. Also gut. Sie durfte vor des Königs Tür Nachtwache halten. Um Mitternacht singt die Prinzessin leise: "König Aschelein, ich wusch dich mit Wein und hüllte dich ein in ein seidenes Tüchlein. O mein auserwähltes Kind." Dann ist sie gleich fortgerannt in ihr Zimmer und hat getan, als ob sie schläft. Als der König nachschaut, wer da vor seinem Zimmer singt, hat er niemanden entdeckt.

Am zweiten Tag bietet sie den goldenen Kamm an, damit sie zum König darf. Wieder will das erste Stubenmädel es nicht erlauben, aber der Kamm glänzt so schön. Da will sie ihn haben und sagt ja. Die Prinzessin geht zu des Königs Schlafgemach und fängt an zu singen: "König Aschelein, ich wusch dich mit Wein und hüllte dich ein in ein seidenes Tüchlein. O mein auserwähltes Kind." Weil sie aber flink in ihr Zimmer gerannt ist, kommt er halt wieder zu spät.

Am dritten Tag bietet die Prinzessin dem ersten Stubenmädel das goldene Glockenspiel an. "Bitte, lass mich noch ein einziges Mal zu ihm!" Aber das Stubenmädel hat Angst. "Zweimal ist es schon gut gegangen. Wenn sie dich jetzt erwischen, bringen sie uns beide um." Aber dann hat sie sie doch hingehen lassen. Das Glockenspiel war so schön!

Diesmal aber hat der König vorgesorgt und hat vier Wachen aufgestellt.

Die Prinzessin geht leise hin und singt wieder: "König Aschelein, ich wusch dich mit Wein und hüllte dich ein in ein seidenes Tüchlein. O mein auserwähltes Kind." Als sie weglaufen will, hasten die vier Wachen ihr gleich nach und packen sie beim Kragen. Der König schäumt vor Ärger. "Was hast du schlechte Dirn bei meiner Tür zu tun? Ich lasse dich hinrichten!"  - "Wie kannst du das tun?", fragt sie da. "Du hast ein ganzes Jahr bei mir geschlafen als ein Vogel. Ich hab dich mit Wein gewaschen und in seidene Tüchlein gehüllt. Hab dir zu essen und zu trinken gegeben, bis du ein Mensch geworden bist!" Oh, ist das dem König peinlich. Und er hat sich gewünscht, dass er nicht so vorschnell geurteilt hätte. Gleich hat er sie getröstet und beruhigt und in den Arm genommen. Die Wachen hat er weggeschickt und dann haben sie die ganze Nacht geredet und sich alles erzählt. Der andern Braut hat er am nächsten Tag geschrieben, er könne sie nicht heiraten. Sie solle sich einen andern nehmen, weil die Prinzessin angekommen sei, die ihn erlöst habe. (Original:"Danach haben sie geheiratet.") So haben sie doch noch geheiratet. Und ihrem Vater hat sie geschrieben, dass sie jetzt Königin ist.

Soweit das Märchen - und ich bleib mit einigen Fragen zurück: Warum heißt er Prinz Aschelein? (Da gibt´s ja das Märchen Aschenputtel auch.) Warum zeigt er sich später so unbeherrscht? Was bedeuten die drei goldenen Tauschgeschenke? Was soll der Spruch mit dem auserwählten Kind? Auch er hat sie ja "mein liebes Kind" genannt. Meint sie wirklich den Mann, (der ja kein Kind mehr ist)? Warum er sie anscheinend vergessen hatte und schwupps eine andere Braut heiraten wollte, ist mir auch nicht so ganz klar. Oft hat es nicht viel Sinn nach rationalen Begründungen zu suchen. Manchmal helfen bei der Deutung Sprichwörter und Redewendungen. "Aus den Augen, aus dem Sinn" z.B. Sehr nett finde ich die Allegorie mit dem Vogel-Sein. Da gibt es eine Redewendung. Man sagt von jemandem, er sei ein "komischer/schräger Vogel". Auch kann jemand vogelfrei erklärt werden. Es gibt den Vogel im goldenen Käfig. Sie gibt sich wirklich alle Mühe, um ihn in einen Menschen zu verwandeln - und hat viel Geduld. Ein ganzes Jahr hegt sie ihn (wie ein kleines Kind?). Er "hält es nur drei Tage bei ihnen aus". Nach meinem ersten Eindruck und den ersten Fragen, die auftauchen, sammle ich für die Deutung  zunächst systematisch alle Informationen, die es über eine Person gibt. Das bewahrt die Betrachterin, ein Märchen vorschnell zum eigenen zu machen. In Gruppen passiert es manchmal, dass Zuhörer/Innen plötzlich ihr eigenes Leben angesprochen fühlen, ihre eigenen Erfahrungen.

Eine interessante "Heldinnenreise", über die ich noch a wengala nachsinnen werde ...